Schon Ende April hatte ich ihn ausgemacht.
Aus über 100 Meter Entfernung erkannte ich nur eine kümmerliche Stange in Form eines Spießes. Doch bei der ersten Begegnung im Mai war es zu weit, um einen sicheren Schuß abzugeben. “Irgendwann wird er von einem stärkeren Bock auf Trapp gebracht werden und dann werde ich ihn schon kriegen.” war mein Gedanke und ich setzte mich abermals an.
Doch fast auf jedem Ansitz sah ich ihn, ohne dass er in Schußweite herankam. Im Gegenteil: Er äugte ständig sichernd in meine Richtung und entfernte sich im Laufe des Ansitzes immer weiter von mir. An einem Abend wurde mir klar, dass alles Warten sinnlos ist: Ein starker Sechser trat direkt neben dem Ansitz aus. Er war der Grund, weshalb der “Einstangenspießer” respektvoll Abstand hielt.
Gegen Mitte Mai hörte ich auf, die Abend- und Morgenansitze zu zählen, die ich in den Bruchwiesen “An den Choriner Grenzhäusern”, wie der Revierteil heißt, verbracht hatte. Um nicht völlig zu verzweifeln, ging ich immer nur noch jeden zweiten Ansitz dorthin. Aber als eingefleischter “Knopfbockjäger” ließ der Bock mich nicht ruhen.
Mittlerweile hatte der starke Sechser seinen Einstand weiter ausgedehnt und dem Einstangenspießer einen Einstand nahe einem alten Hochsitz zugewiesen.
Meine Hoffnung stieg und ich zog um.
Leider aber war der Wind auf diesem Sitz oft ungünstig und täglich mußte ich erst die Windrichtung prüfen, bevor ich den Sitz bezog.
Durch das häufige Sitzen auf den zwei in Frage kommenden Kanzeln kannte ich nun alle Rehe, die sich dort aufhielten. Die Reviergrenze des Sechsers hätte ich nun metergenau eintragen können, denn sein täglicher Auftritt auf der Wiese war begleitet von ständigem Fegen an Weiden und Erlen. Dort, wo es keine Bäume gab und seine Grenze durch die Wiese lief, stach er wütend in die Grasnarbe und schleuderte die Wurzeln mit Erde in die Luft. Doch der Einstangenspießer war wie vom Erdboden verschwunden.
Als der Wind mal wieder gut stand, gezog ich den Sitz im Einstand des Einstangenspießers und nur wenige Minuten nachdem ich es mir bequem gemacht hatte, marschierte der Sechser direkt auf mich zu. Er überqerte einen Entwässerungsgraben , der eigentlich seine Reviergrenze war. Er war auf der Suche nach seinem Rivalen! Nachdem er die Wiese direkt vor meinem Hochsitz erfolglos abgesucht hatte, verschwand er wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Auch ich war enttäuscht, hatte ich doch die Hoffnung, er würde auf seinen Rivalen stoßen und ihn dann direkt vor meinen Sitz treiben.
Kaum war der Sechser verschwunden, zeigte sich ein Reh im besagten Entwässerungsgraben. Dichtes Schilf machte es schwer, das Stück anzusprechen. Doch irgendwann war das Haupt frei und ich erkannte den Einstangenspießer. Er hatte sich geschickt vor seinem Rivalen versteckt!
Der entsicherte und eingestochene Repetierer suchte das Blatt. Es war zum Verweifeln: Immer wieder verdeckten Schilf oder Grasbüschel den Bock, dann wieder war er völlig im Graben verschwunden. Immer weiter zog er zum Schilfdickicht. Der Versuch , einen sicheren Schuß anzubringen, mag über eine halbe Stunde angedauert haben, bis ich entnervt mit dem Schwinden des Büchsenlichts das Gewehr sicherte und erfolglos den Heimweg antrat.
Zuhause traute ich mir den Grund meiner erfolglosen Jagd nicht mehr schildern. Auf die Frage:”Und?” antwortet ich nur noch:”Nichts!”

Doch dann kam der 22.Mai.
Gewitterwolken zogen am späten Nachmittag auf und ein Wolkenbruch entlud sich über den Wiesen. Bockjagdwetter! Wenn es aufhört zu regnen und es in den Einständen tropft, kommen sie heraus, um sich die Decke zu trocknen.
Als ich das Auto abstellte, regnete es noch und ich blieb noch fast eine Stunde im Wagen. Gegen 20.00 Uhr, als sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten , ging ich zum Ansitz.
Fast eine Stunde tat sich nichts. Nur eine Ricke, die jeden Abend minutengenau auf die Wiese zog, zeigte sich. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sie auch heute pünktlich war. Doch dann sehe ich meinen Einstangenspießer direkt auf mich zukommen. Er kommt aus dem Einstand des Sechsers und strebt die Reviergrenze der beiden Böcke, den Entwässerungsgraben an. Ich entsichere und steche ein. Als er den Graben erreicht, habe ich die gleiche Situation wie Tags zuvor. Ein sicherer Schuß auf den im Graben äsenden Bock ist unmöglich.
Plötzlich schießt er wie von Sinnen aus dem Graben, kommt hochflüchig über die Wiese vor meinem Sitz - und verschwindet im Schilfdickicht. Ich schaue über den Graben und sehe seinen Rivalen, den Sechser, wie er ihm drohend nachschaut.
Waffe sichern und aus der Traum. Doch vielleicht kommt er über die Schneise, die links vom Sitz durch das Schilfdickicht verläuft. Ich muss meine Sitzposition verändern und prüfe, ob ein Schuß möglich ist. Und tatsächlich: Kaum bin ich schußfertig, steht er auf der Schneise. Aber nur das Haupt ist zu sehen. Entsichert und eingestochen warte ich über 1/4 Stunde auf den einen Schritt, den er noch machen muss. Doch auch den Gefallen tut er mir nicht. Eine große Flucht über die Schneise und der Bock ist im Schilfdickicht auf der anderen Seite der Schneise verschwunden. Ich bin mit den Nerven fast am Ende. Doch er könnte auch durch dieses Dickicht hindurchziehen und auf der Wiese im Rücken meines Sitzes auftauchen.
Ich drehte mich abermals auf dem Sitz und nahm den Rand des Schilfs ins Zielfernrohr. Doch nun spüre ich den Wind im Nacken. Wenn er heraustritt wird er Wind von mir bekommen. Kein Bock erscheint im Zielfernrohr. Das Büchsenlicht beginnt zu schwinden. Als ich kurz über das Ziefernrohr auf die Wiese schaue, sehe ich ihn stehen. Irgendwie ist er, ohne dass ich ihn im Zielfernrohr erfasst hatte, aus dem Schilf auf die Wiese gelangt. Hoffentlich hat er noch kein Wind von mir bekommen! Ich entsichere, steche ein und fahre mit dem Zielfernrohr zum Haupt, prüfe, ob es auch wirklich der Spießer ist, sehe einen Spieß, fahre zum Blatt und lasse die Kugel aus dem Lauf. Als ich über das Zielfernrohr auf die Wiese schaue , ist sie leer. Er kann den Knall nicht mehr gehört haben.
Als ich zum Bock trete, befühle ich den noch im Bast befindlichen nur wenige Zentimeter langen Spieß. Daneben eine Stange, die gebogen ist wie der Schlauch einer Gams. Deshalb sah ich immer nur die eine Stange.
Im letzten Licht breche ich ihn auf und als ich ihn zum Auto trage, versuche ich vergeblich die Tage zu zählen, die ich auf ihn ansaß. Aber eines ist sicher: Noch nie habe ich in den vielen Jahren meiner Bockjagd so lange versucht, einen Bock zu erlegen. Aber Geduld zahlt sich aus, insbesondere bei der Jagd.

Unzählige Ansitze benötigte ich, um endlich am 22.5.2009 um 21.20 Uhr diesen schwachen Jährling zur Strecke zu bringen.
Der anfänglich als Spießer mit einer Stange angesprochene Jährling hatte doch noch eine nach hinten gebogene zweite Stange. Er wog aufgebrochen mit Haupt gerade 10,5 kg.

Pirschen in den steilen Hängen der Endmoränenlandschaft. Hier in sehr ruhigen, aber schwer zu bejagenden Wiesen mit Knicks und kleinen Wäldchen wachsen noch alte kapitale Böcke heran, wie der nachfolgende Artikel beweist.

Über mehrere Jahre waren die Wiesen in den Hängen oberhalb des Oderbruchs ganzjährig beweidet worden. Zudem konnte das Vieh auch die zahleichen Knicks und Waldstücke abweiden und als Schutz vor Regen und Sonne nutzen, da die Hänge dieser Endmoränenlandschaft weiträumig eingezäunt waren. Doch erstmals in diesem Frühjahr steht kein Vieh mehr auf den steilen Hängen und langsam erholt sich die geschundene Grasnarbe und die abgefressenen Sträucher und Bäume der Knicks und Wäldchen können wieder austreiben. Doch wegen der mehrjährigen Dauerbeweidung konnte der Revierteil nicht gejagt werden, es fehlen Reviereinrichtungen bzw. die vorhandenen sind zugewachsen oder bedürfen der Reparatur, weshalb die Pirsch zur Zeit die einzige Möglichkeit der Bejagung darstellt, zumal die Wilddichte hier eher gering ist.


Langsam erholen sich die überweideten Wiesen

Gestern gegen 19.30 hatte ich es mir auf einem Stein hinter einer Eiche bequem gemacht, von wo ich einen Blick auf eine Wiese hatte. Ein Fuchs schnürte vorbei und ein Hase suchte nach Kräutern, bei deren Anblick ich mit DD Rüde Ajax die Standruhe üben konnte und das stumme Beobachten des Wildes klappt schon recht gut. Doch als sich auch bis 21.00 Uhr kein Rehwild zeigte, wollte ich entlang eines Knicks pirschen, um auf eine Wiese zu schauen, auf der ich Tags zuvor Rehwild gefährdet hatte. Ich verließ nach 100 Metern den Knick über die offene Wiese, um eine andere, sich talwärts neigende Wiese einzusehen und dort sah ich dann auch einen Bock auf ca. 70 Meter direkt auf mich zubewegen.

Die Waffe legte ich sofort auf den Schießstock auf und bevor ich versuchte, den Bock ins Zielfernrohr zu bekommen, zischte ich nach unten das Kommando “Platz”, das Ajax auch sofort befolgte. Der kühle Abendwind, der vom Oderbruch hinaufwehte, blies mir direkt ins Gesicht. Dies gab mir Gewissheit, dass er keinen Wind von mir bekommen konnte, doch ich stand ohne Deckung frei auf der Wiese. Als ich den Bock dann im Zielfernrohr hatte, stockte mir der Atem! Ein mehr als doppelt lauscherhohes Gehörn zierte sein Haupt. Eine starke Auslage und helle gleichmäßige extrem lange Enden erinnerten mich eher an das Geweih eines Sikahirsches. Einen Bock mit einem solchen Gehörn hatte ich in über 30 Jägerjahren noch nie gesehen. Langsam ziehend bewegte er sich suchend auf mich zu , bis er fast 35 Meter vor mir stand. Nur ein Weidezaun trennte uns und als er anfing, die “Statue” auf der Wiese zu beäugen, hatte ich Zeit, mir den Bock im Zielfernrohr anzusehen. Als er einmal breit stand und mit seinem mächtigen Kopfschmuck zu mir herüberäugte, fehlte nur noch das hell leuchtende Kreuz zwischen seinen extrem großen Stangen. Zumindest hatte ich erstmals das Gefühl, zu wissen, wie die Erscheinung des Hirsches mit einem Kreuz zwischen den Stangen auf den heiligen Hubertus gewirkt haben muss.
Irgendwie bekam der Bock dann doch etwas mit und sichtlich unruhig, aber nicht flüchtig, verließ er Wiese. Bleibt zu hoffen, dass er zur Blattzeit noch da ist und erlegt werden kann, aber sein Standort ist ruhig und weit ab der Reviergrenze, die Voraussetzungen sind gut, dass er im August zur Strecke kommt. Eine Medallie wird dieser Bock garantiert erzielen.
Der über mehrere Jahre kaum bejagte Revierteil beweist erneut, dass nur das Altwerden der Böcke über mehrere Jahre starke Trophäen, wenn sie dann erwünscht sind , entstehen lassen.

Kleine Reviere, in denen fast nur 2-3 jährige Böcke, also die “Halbstarken” im doppelten Sinne, erlegt werden und viel zu wenig in die Jährlingklasse eingegriffen wird, machen das Heranreifen solcher Hochkapitalen in der heutigen Zeit unmöglich.